Erlebnisse in Krakau

Den Aufenthalt in Krakau zwischen zwei Jugendgedenkstättenfahrten haben wir im März zu einem Urlaub genutzt und zum Entdecken und Besichtigen vieler namentlich bekannter „unbekannter Orte“.

Wir hatten das Glück ,an einem Tag von Janek, einem Auschwitz-Guide, betreut zu werden. Wir trafen ihn in Oswiecim . Er zeigte uns Monowitz, das Schloss Pless, das Interessensgebiet, das Franziskanerkloster und die Synagoge in Oswiecim. Monovice hätten wir ohne unseren Guide nicht gefunden. Es scheint ein völlig normaler polnischer Ort zu sein, bis auf ein lächerliches Denkmal. Beim näheren Hinsehen entdeckt man die eingeerdeten Bombenschutzlöcher der Posten in den Gärten und die in heutigen Häusern und Schuppen verwandten Baumaterialien der ehemaligen Baracken. Zum Glück hatten wir Janek dabei. Allerdings die Chemie-Fabrik, in der die Häftlinge gearbeitet haben, steht noch und  ist doppelt so groß wie das Lager von Birkenau! Da existieren noch hunderte von Metern der alten Fabrikmauer. Warum wird das eigentlich nicht beachtet? Wir besichtigten die zweite Hälfte Birkenaus jenseits der Achse Sauna-Kommandandur, die nicht fertiggestellt werden konnte – glücklicherweise: Dort ist ein Gedenkstein für das weiße Bauernhaus, in dem Experimente der Vergasung getestet wurden, bevor die vier Birkenau-Krematorien gebaut wurden. Das Gelände hat die Gedenkstätte inzwischen gekauft, da soll das Bauernhaus noch existent gewesen sein. Inzwischen steht nur noch die Gedenktafel…

Wir fuhren durch das Interessengebiet: 40 Quadratkilometer misst das Lager, in dem die Häftlinge gearbeitet haben und welches von Posten umstellt war. Die Fischteiche, die Gärten, das Kraftwerk, die Fabriken. Dort hatten die Häftlinge gearbeitet. Die Auschwitz-Führer haben heute regelmäßig Fortbildungen und Zeitzeugengespräche. Zuletzt war ein 91 jähriger Professor aus Warschau da, der aus Birkenau geflüchtet war, wieder gefangen wurde und überlebt hatte. Er berichtete, dass ihn der SS-Posten wohl gesehen, aber nicht beachtet habe.

Wir besuchten die Ausstellung in der Synagoge von Oswiecim, jetzt Ausstellung, davor Fisch-Geschäft. Oswiecim war 1939 ein Ort mit 50% jüdischer Bevölkerung, ein Ort einer engen Kooperation von Juden und Christen. Heute lebt dort seit 10 Jahren kein einziger Jude mehr. Die Ausstellung war klein und interessant, ein Raum zeigte das Schicksal von Juden aus Oswiecim in aller Welt und was aus ihnen später im Ausland geworden war. Interessant! Die Freiwillige am Informationsschalter, war zu näheren Informationen nicht bereit. Ich vermute völlig im Internet versunken. Auf dem Friedhof kamen wir nicht, er war verschlossen. Für wen auch sollte er offen sein?

Janek fuhr mit uns dann noch ans andere Ende des Interessensgebiet, nach Schloss Pless, das ist der Teil Schlesiens, der 1919 polnisch wurde. Das war im Ersten Weltkrieg der Sitz der Obersten Heeresleitung und hat einen herrlichen Schloßgarten. Janeks Frau und sein Sohn wollen dahin immer Ausflüge machen. Er erzählte das Schicksal dieses Schlosses: Deutscher Hochadel, Großgrundbesitz, Bergwerksbesitz, von den Nazis enteignet, weil zwei Söhne in der polnischen und englischen Armee kämpften. Diese Geschichte kannte ich von Schloss Fürstenberg im Eulengebirge. Dort haben die Faschisten kilometerlange Stollen von Häftlingen bauen lassen und sogar einen unterirdischen Bahnhof. Sollte wohl mal ein Führerhauptquartier werden oder ähnliches. Dieses wunderschöne Schloss. Ein Blick ins Internet zeigte auf: Die Fürsten von Pless und Fürstenberg waren die gleiche Familie. Die Mutter Lady Daisy war Engländerin.
Janek zeigte uns das neue Franziskaner-Kloster am Rande von Oswiecim, in dessen Garten Hunderte von Holzkreuzen stehen aus dem alten Streit der Holzkreuze und Davidsterne bis vor ca. 10 Jahren, die über Nacht jemand im Klostergarten aufgestellt hat…

Zur Kröung des Besuchs in Oswiecim besichtigte Janek mit uns die Schule seiner Frau. Das ist die Tochter von Josef, des „alten „Guides aus Auschwitz. Diese ist stolze Schulleiterin einer Grundschule. Es gab tolles Schulessen!

In Krakau haben wir uns ausführlich die Ausstellung in der Schindler-Fabrik angesehen und waren überzeugt, mit Berliner Jugendlichen besuchen wir sie lieber nicht. Sie ist zu lokal, zu speziell auf polnischen Widerstand ausgerichtet. Außer Schindlers Schreibtisch und sein Arbeitszimmer gibt es wenig über ihn und die Hintergründe.

Einmal in der Schindler-Fabrik waren wir in Podgorze angekommen, dem Ort, in dem 1939 das Ghetto für die Krakauer Juden errichtet wurde. Wir fanden die sechs Meter erhaltene Ghetto-Mauer und die „Rote Apotheke“ des Apothekers, der den Widerstand so verdienstvoll unterstützt hat. Außerdem den Gedenkort der leeren Stühle auf dem großen Platz von Podgorze, dem Platz der Opfer des Ghettos.. Dann haben wir das KZ Plaszow gesucht und gesucht und zufällig gefunden. Ein einziger junger Pole verstand, was wir wollten. Eine Gedenktafel, ein leeres Feld und die umgestaltete Villa des Kommandanten Amon Göth. Hier wurde ein ehemaliger jüdischer Friedhof zum KZ umgebaut. Der LIDL davor war gut zu finden, fürs KZ Plaszow jedoch gab es kein Hinweisschild. Sollten wir mal an Lidl schreiben mit der Bitte um ein Hinweisschild?

Einen Tag waren wir in NowaHuta, das sollte mal die sozialistische Stadtergänzung zu Krakau werden. Gebaut ab 1949 nach dem Vorbild und Stadtplan von Versailles. Die große Straße sollte von der Hütte (Lenin-Hütte) zum Volkshaus führen. Die Häuser wurden mit viel Infrastruktur (Kindergärten) gebaut im Stil der Stalinallee. Dazwischen Erholungsteiche und Kleingärten. Das Volkshaus wurde nicht gebaut wie es geplant war und die Umweltschäden der Hütte verhinderten das Erholungsgebiet.Soweit die neuen Erfahrungen , die wir in vier Tagen Krakau kennengelernt haben. Wir haben auch einen Laden gefunden, in dem es 24 Stunden gut und preiswert Piroggen (pirogi) gibt!

- Carmen und Burkhard

Auschwitz 2012 – Der Bericht

Den Rundgang in Auschwitz und Birkenau führen wir regelmäßig mit mehreren „Guides“ durch , einer davon ist unser Josef Foks. Besonders überzeugend ist er, weil er als Kind im Interessensgebiet um das Lager Auschwitz gewohnt hat und sogar manchmal die Verbrennungen „gerochen“ hat. Josef kommentiert nicht zuviel und kann an verschiedenen Stellen immer wieder eigenes Erleben beisteuern, z. B. das Schicksal seines Onkels, der im Lager umgebracht wurde. Weil Josef 2011 aus gesundheitlich Gründen die Führungen beenden musste, hat sein Schwiegersohn Janek, Lehrer in der Nähe von Oswiecim – Josefs Part übernommen. Inzwischen machen wir die Führungen mit mehreren „Guides“ und mit kleineren Gruppen. Auch dies hat sich sehr bewährt.

Seit Ende 2012 ist Josef wieder dabei. Dafür fällt seit Herbst 2012 krankheitsbedingt sein Schwiegersohn Janek aus.

In Birkenau legen die Jugendlichen regelmäßig ihre Blumen nieder. Besonders abschreckend ist Birkenau durch seine Größe, durch die Pferdebaracken, die entsetzlichen Latrinen mit den Original-Sprüchen:

  • „Verhalte Dich ruhig“
  • „Wasser, Erde, Luft, erhalten Dich“.

Auffallend ist der Verfall der Gedenkstätte im Terrain : Der Wachturm darf eigentlich von November bis April nicht mehr betreten werden – für unsere Gruppen haben wir diesen Besuch durchgesetzt, die Wege werden nicht mehr schneegereinigt. Die Baracke der Strafkompagnie im Frauenlager ist seit fünf Jahren in Reparatur, die Stein-Latrinen im Frauenlager in Birkenau sind so verfallen, daß wir ihren Besuch seit März 2012 nicht mehr riskieren.

Die Hörgeräte im Stammlager erleichtern den Rundgang erheblich; dies ist eine sehr sinnvolle Lösung des babylonischen Sprachgewirrs in den Ausstellungsräumen und der „Wettkämpfe“ der einzelnen „Guides“ untereinander, die sich gegenseitig überholten.

Besonders manche israelische Gruppen gehen ihren eigenen Weg kreuz und quer. Die neue Technik entschärft das Problem.

Seit Ende 2001 ist in Birkenau das Sauna-Gebäude als Ausstellungsgebäude zu besichtigen. Hier wird versucht, das Schicksal vieler Familien aus Fotoalben zu visualisieren. Auf einem Glassteg wird der Besucher sehr eindrucksvoll durch dieses Sauna-Gebäude geführt.

Zum Konzept dieser Begegnung gehört auch das Kennenlernen des aktuellen Krakau und seiner Vergangenheit. Der mit einigen Gruppen selbstorganisierte Stadtrundgang führt uns durch den Kazimierz, das historische Ghetto, zum Gestapo-Hauptquartier in Krakau. Wir erleben die europäische Kulturmetropole Krakau, wo schon vor 500 Jahren Hochkultur herrschte, als Berlin noch unbedeutende Kleinststadt war und beenden den Rundgang im wunderschönen Hof des Collegium Maius der alten Jagellionischen Universität. Dort ist es wunderschön.

Im völligen Kontrast steht dazu der Umgang der Faschisten mit den polnischen Professoren der Universität, die Oktober 1939 nach Sachsenhausen deportiert wurden. Slawen durften noch arbeiten, sollten jedoch sterilisiert werden. Aber nach der Rassenideologie des Faschismus sollte ihre Intelligenz ausgerottet werden.

Diesen Rundgang führen wir inzwischen möglichst in mindestens zwei Gruppen durch. Bei einigen Fahrten gelingt es, den Rundgang mit den Jugendlichen so vorzubereiten, dass diese den Rundgang selber durchführen.

Der Abbau aktueller antipolnischer Ressentiments, das Kennenlernen und Akzeptieren des heutigen Polens gehört voll zum Konzept dieser Gedenkstättenarbeit. Ebenso das Kennenlernen des Kazimierz, der in Zukunft immer schöner und beeindruckend werden wird.

Es gibt nur noch 170 jüdische Mitbürger in Krakau, 1939 waren es noch 70.000. Die alte Remuh-Synagoge und der alte jüdische Friedhof gehören zum Programm. Auch dazu gehören die Spielstätten aus Schindlers Liste, sowie auch das spannende Leben, welches sich im Kazimierz entwickelt. Das Cafe Propaganda und die jugendgemäßen Kneipen am Plac Novi. Dieser eigene Stadtrundgang gehört in diese Konzeption, weil Krakauer Touristenführungen nicht einfach sind: Gezeigt werden nur Kirchen und das Grab August des Starken oder nur Spielberg-Geschichte. Deshalb wurde eine eigene Führung entwickelt. Die 2010 eröffnete Schindler-Fabrik konnten und wollten wir bislang nicht in den Rundgang integrieren. Da wird der polnische Widerstand gezeigt.
Außerdem schließt das Museum Schindler-Fabrik Montagmittag und sprengt den zeitlichen und räumlichen Rahmen des Rundganges. Zur Konzeption gehört auch der Einsatz von Filmen. Auf der Hinfahrt nach Krakau gibt es die Dokumentation „Mein Kampf“ von Erwin Leiser aus dem Jahr 1959, immer noch eine der besten Darstellungen. Bei der Hinfahrt nach Auschwitz informieren wir in einem Film über den Umgang mit Gedenkstätten.

Auf der Rückfahrt gab es lange Zeit eim Bus als sanften Ausklang den Klassiker von Charlie Chaplin „Der große Diktator“ oder ähnliches. Den Chaplin-Film verstehen viele Jugendliche nicht mehr, (Stichwort, Sehgewohnheit und Konzentration). Der Hit der Fahrten ist auf der Rückfahrt immer noch der Film „Leroy“, in dem ein ehemaliger dunkelhäutiger FSJler die Hauptrolle spielt. Dieser Film hat einen extrem hohen Spannungsbogen, das spricht sehr an…

Im Mainstream der aktuellen Jugendarbeit heißt es regelmäßig:

Gedenkstättenbesuche bringen nichts.

Wir sehen das anders. Seit über 25 Jahren fahren wir regelmäßig mit Jugendlichen nach Auschwitz und nach Birkenau – inzwischen über 135 Mal mit fast 7000 Jugendlichen.. Jedesmal waren es eindrucksvolle Fahrten und Begegnungen mit der Vergangenheit.

- Burkhard Zimmermann