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Auschwitz 2012 – Der Bericht

Den Rundgang in Auschwitz und Birkenau führen wir regelmäßig mit mehreren „Guides“ durch , einer davon ist unser Josef Foks. Besonders überzeugend ist er, weil er als Kind im Interessensgebiet um das Lager Auschwitz gewohnt hat und sogar manchmal die Verbrennungen „gerochen“ hat. Josef kommentiert nicht zuviel und kann an verschiedenen Stellen immer wieder eigenes Erleben beisteuern, z. B. das Schicksal seines Onkels, der im Lager umgebracht wurde. Weil Josef 2011 aus gesundheitlich Gründen die Führungen beenden musste, hat sein Schwiegersohn Janek, Lehrer in der Nähe von Oswiecim – Josefs Part übernommen. Inzwischen machen wir die Führungen mit mehreren „Guides“ und mit kleineren Gruppen. Auch dies hat sich sehr bewährt.

Seit Ende 2012 ist Josef wieder dabei. Dafür fällt seit Herbst 2012 krankheitsbedingt sein Schwiegersohn Janek aus.

In Birkenau legen die Jugendlichen regelmäßig ihre Blumen nieder. Besonders abschreckend ist Birkenau durch seine Größe, durch die Pferdebaracken, die entsetzlichen Latrinen mit den Original-Sprüchen:

  • „Verhalte Dich ruhig“
  • „Wasser, Erde, Luft, erhalten Dich“.

Auffallend ist der Verfall der Gedenkstätte im Terrain : Der Wachturm darf eigentlich von November bis April nicht mehr betreten werden – für unsere Gruppen haben wir diesen Besuch durchgesetzt, die Wege werden nicht mehr schneegereinigt. Die Baracke der Strafkompagnie im Frauenlager ist seit fünf Jahren in Reparatur, die Stein-Latrinen im Frauenlager in Birkenau sind so verfallen, daß wir ihren Besuch seit März 2012 nicht mehr riskieren.

Die Hörgeräte im Stammlager erleichtern den Rundgang erheblich; dies ist eine sehr sinnvolle Lösung des babylonischen Sprachgewirrs in den Ausstellungsräumen und der „Wettkämpfe“ der einzelnen „Guides“ untereinander, die sich gegenseitig überholten.

Besonders manche israelische Gruppen gehen ihren eigenen Weg kreuz und quer. Die neue Technik entschärft das Problem.

Seit Ende 2001 ist in Birkenau das Sauna-Gebäude als Ausstellungsgebäude zu besichtigen. Hier wird versucht, das Schicksal vieler Familien aus Fotoalben zu visualisieren. Auf einem Glassteg wird der Besucher sehr eindrucksvoll durch dieses Sauna-Gebäude geführt.

Zum Konzept dieser Begegnung gehört auch das Kennenlernen des aktuellen Krakau und seiner Vergangenheit. Der mit einigen Gruppen selbstorganisierte Stadtrundgang führt uns durch den Kazimierz, das historische Ghetto, zum Gestapo-Hauptquartier in Krakau. Wir erleben die europäische Kulturmetropole Krakau, wo schon vor 500 Jahren Hochkultur herrschte, als Berlin noch unbedeutende Kleinststadt war und beenden den Rundgang im wunderschönen Hof des Collegium Maius der alten Jagellionischen Universität. Dort ist es wunderschön.

Im völligen Kontrast steht dazu der Umgang der Faschisten mit den polnischen Professoren der Universität, die Oktober 1939 nach Sachsenhausen deportiert wurden. Slawen durften noch arbeiten, sollten jedoch sterilisiert werden. Aber nach der Rassenideologie des Faschismus sollte ihre Intelligenz ausgerottet werden.

Diesen Rundgang führen wir inzwischen möglichst in mindestens zwei Gruppen durch. Bei einigen Fahrten gelingt es, den Rundgang mit den Jugendlichen so vorzubereiten, dass diese den Rundgang selber durchführen.

Der Abbau aktueller antipolnischer Ressentiments, das Kennenlernen und Akzeptieren des heutigen Polens gehört voll zum Konzept dieser Gedenkstättenarbeit. Ebenso das Kennenlernen des Kazimierz, der in Zukunft immer schöner und beeindruckend werden wird.

Es gibt nur noch 170 jüdische Mitbürger in Krakau, 1939 waren es noch 70.000. Die alte Remuh-Synagoge und der alte jüdische Friedhof gehören zum Programm. Auch dazu gehören die Spielstätten aus Schindlers Liste, sowie auch das spannende Leben, welches sich im Kazimierz entwickelt. Das Cafe Propaganda und die jugendgemäßen Kneipen am Plac Novi. Dieser eigene Stadtrundgang gehört in diese Konzeption, weil Krakauer Touristenführungen nicht einfach sind: Gezeigt werden nur Kirchen und das Grab August des Starken oder nur Spielberg-Geschichte. Deshalb wurde eine eigene Führung entwickelt. Die 2010 eröffnete Schindler-Fabrik konnten und wollten wir bislang nicht in den Rundgang integrieren. Da wird der polnische Widerstand gezeigt.
Außerdem schließt das Museum Schindler-Fabrik Montagmittag und sprengt den zeitlichen und räumlichen Rahmen des Rundganges. Zur Konzeption gehört auch der Einsatz von Filmen. Auf der Hinfahrt nach Krakau gibt es die Dokumentation „Mein Kampf“ von Erwin Leiser aus dem Jahr 1959, immer noch eine der besten Darstellungen. Bei der Hinfahrt nach Auschwitz informieren wir in einem Film über den Umgang mit Gedenkstätten.

Auf der Rückfahrt gab es lange Zeit eim Bus als sanften Ausklang den Klassiker von Charlie Chaplin „Der große Diktator“ oder ähnliches. Den Chaplin-Film verstehen viele Jugendliche nicht mehr, (Stichwort, Sehgewohnheit und Konzentration). Der Hit der Fahrten ist auf der Rückfahrt immer noch der Film „Leroy“, in dem ein ehemaliger dunkelhäutiger FSJler die Hauptrolle spielt. Dieser Film hat einen extrem hohen Spannungsbogen, das spricht sehr an…

Im Mainstream der aktuellen Jugendarbeit heißt es regelmäßig:

Gedenkstättenbesuche bringen nichts.

Wir sehen das anders. Seit über 25 Jahren fahren wir regelmäßig mit Jugendlichen nach Auschwitz und nach Birkenau – inzwischen über 135 Mal mit fast 7000 Jugendlichen.. Jedesmal waren es eindrucksvolle Fahrten und Begegnungen mit der Vergangenheit.

- Burkhard Zimmermann